Die Krankenhaus-Fachabteilung der Inselklinik Heringsdorf / Haus Kulm 
VORGESTELLT VON EINER EHEMALIGEN PATIENTIN FÜR PATIENTEN

Tagebuch (2)

Ich habe für diese Webseite Einträge aus den Tagebüchern der ersten drei Jahre meiner Klinikaufenthalte ausgewählt. Es sind nur relativ kurze Auszüge. Aber ich denke, dass aus ihnen hervorgeht, dass ich bereits 2008 der Zukunft mit etwas größerem Optimismus entgegensah als noch in den Jahren zuvor. Vielleicht schockiert mancher Tagebucheintrag aus den ersten beiden Jahren meiner Klinikaufenthalte ein wenig. In dieser Zeit hatte ich immer wieder furchtbar viele Zweifel, dass das Leben für mich noch lebenswert ist. Und auch nach 2008 war ich nicht immer davon überzeugt, dieses Leben tatsächlich leben zu wollen, aber das Licht durchbrach im Laufe der Zeit mehr und mehr die Dunkelheit. Heute, 2016, weiß ich es ganz klar und eindeutig: Ja, das Leben ist lebenswert! Und es kann sogar schön sein ;-)


Tagebuchtexte

Auszüge aus dem Text, den ich verfasste, als ich die (später erwähnte) "Schreibattacke" hatte. Dieser Text entstand aus Verzweiflung. Drei Tage (und Nächte) habe ich in meinem damaligen Zustand gebraucht, um ihn zu schreiben. Immer wieder wurde ich von nicht aushaltbaren Gedanken und Gefühlen überrollt. Als der Text endlich fertig war, gab ich ihn meiner Ärztin zu lesen, um mit ihr "irgendwie" zu kommunizieren.

 

18.02.2006

Das Leben ist simpel: Wir werden geboren, rennen hin und her und eines Tages sind wir tot!

Vor mehr als zwanzig Jahren habe ich diese Aussage zum ersten Mal gelesen und heftig über sie gelacht. Damals war ich relativ unbeschwert: ich genoss meine Jugend und die damit verbundenen Freiheiten. Ich liebte das Leben und hatte Pläne für die Zukunft. Irgendwann entdeckte ich dann diese Aussage auf einer Postkarte. Zur Veranschaulichung hatte man rennende Strichmännchen auf die Postkarte gemalt, die am Ende ihres Weges in einen tiefen Abgrund stürzten. Ich kaufte die Karte und hängte sie lachend in meinem Arbeitszimmer auf.

Heute gefriert mir das Lachen im Gesicht, wenn ich an diesen Ausspruch denke, denn ich begreife immer mehr, dass das Leben, mein Leben (!) tatsächlich ein einziges Hin- und Herrennen ist und ich so nicht mehr weiterleben kann und will. Ich fühle mich furchtbar kraft- und energielos, und in mir zieht sich alles zusammen, wenn ich daran denke, dass ich in dieses Leben zurückkehren, es noch zig Jahre weiterleben muss. Immer öfter überfallen mich inzwischen die Gedanken an den Tod, der mich vom stressigen und frustrierenden Leben befreien kann...

Hier in der Inselklinik Heringsdorf, in die ich voller Hoffnung auf eine Besserung meines Zustandes gefahren bin, habe ich die ersten drei Wochen wie durch eine Glasglocke, die über mich gestülpt ist, erlebt. Ich bin froh, dass ich hier beschäftigt bin, ich horche in mich hinein und stelle fest, dass mein Kopf noch immer leer ist, und ich bin immer wieder wütend auf mich und meinen Kopf. Nach endlosen Strandspaziergängen stelle ich fest, dass ich von meiner Umgebung nichts wahrgenommen habe, ich versuche, mich zu erinnern, und es fällt mir nichts ein. Ich habe das Bedürfnis, mit mir allein zu sein. Jegliches Gespräch blocke ich ab. Ich hänge meinen Gedanken nach oder horche in die Leere meines Kopfes hinein und grübele. Unterhaltungen von Patienten in meinem Umfeld nerven mich, mein Magen krampft sich in diesen Augenblicken zusammen und ich habe das Bedürfnis, wegzulaufen und alles hinter mir zu lassen. In den psychologischen Einzeltherapien möchte ich meinen ganzen Frust raus schreien, aber ich sitze da und in meinem Kopf ist nichts als Leere oder ein Feuerwerk der Gedanken und Gefühle. Dann weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Ich glaube nicht, dass es mit dem Rausschreien der Gedanken getan ist. Ich brauche Hilfe, doch ich zweifle daran, dass mir jemand helfen kann. Ich habe es verlernt, mich über kleine Alltagsdinge zu freuen oder belanglose Gespräche zu genießen, ich habe es verlernt, die Natur zu genießen und Details wahrzunehmen. Ich habe es verlernt, positiv zu denken. Ich habe es verlernt, Bücher zu genießen und auch einem Regentag etwas Positives abzugewinnen.

Ich bin froh, dass ich inzwischen gelernt habe, mich von dem Druck zu befreien, der mich immer wieder überfällt, wenn ich über die Sinnlosigkeit meines Lebens nachdenke, denn eigentlich möchte ich noch viele Jahre leben, auch wenn ich nicht weiß, wie ich dieses Leben, das ich führen muss, ertragen oder sogar genießen kann. So wie bisher kann und will ich nicht weiterleben. In mir sträubt sich alles, wenn ich nur daran denke, dieses Leben fortsetzen zu müssen.

23.02.2006

Vor wenigen Tagen hatte ich eine Schreibattacke - endlich! Endlich habe ich wieder einmal Stift und Papier in die Hand nehmen und schreiben können. Seit drei Monaten war dies nicht mehr möglich. Magenkrämpfe und Brechreiz quälten mich schon beim Anblick von Papier. Mein Arbeitszimmer kann ich seit meinem Zusammenbruch nicht mehr betreten, mir wird übel, wenn ich all die vielen Bücher und Ordner sehe. Nun ist es endlich passiert, nach fast sechs Wochen Klinikaufenthalt! Ich schreibe wieder, wenigstens das!

Bei einem Spaziergang am Ufer der Ostsee entlang beschließe ich heute, mit dem Schreiben eines Tagebuches zu beginnen, um die vielen Gedanken, die immer wieder durch meinen Kopf rasen, zu sortieren. Sie machen mich fertig! Zurzeit bin ich nicht in der Lage, mündlich zu kommunizieren. Ich bin völlig zu, will allein sein, mit niemandem etwas zu tun haben, mit niemandem reden. In den Therapien versage ich immer und immer wieder, spüre einen dicken Kloß im Hals und ein Feuerwerk im Kopf, oft auch eine furchtbare Leere. Ich kenne mich selbst nicht mehr, bin mir unglaublich fremd! Und immer und immer wieder macht mich dies schrecklich aggressiv! Ich bin wütend, wütend auf mich und meine Unfähigkeit, mich wieder in den Griff zu bekommen. Was ist bloß los mit mir?

29.03.2006

Die Entspannungsübung, die ich vor dem Gespräch mit Dr. Kyber in meinem Zimmer gemacht habe, wirkt - genau bis zu dem Zeitpunkt, als ich den Flur der untersten Etage betrete.

Langsam gehe ich den Flur entlang, ich versuche, meine Gedanken zu fassen, zu sortieren. Es gelingt mir nicht. Das Herz klopft, wird immer lauter. Jeder auf dem Flur musste es hören. Mein Magen beginnt zu krampfen, mir bleibt die Luft weg, die Kehle ist wie zugeschnürt. Scheiße! Als ich vor der Tür warte, beruhige ich mich etwas. Ich kann jetzt eh nichts mehr ändern. Die Tür öffnet sich und ich gehe entschlossen hinein. Auf dem Stuhl bemerke ich, dass mein Kopf noch immer völlig leer ist, nicht ein einziger Gedanke ist greifbar. Die Anspannung steigt und ich bringe kein Wort heraus.

Dr. Kyber will wissen, ob ich noch einmal über das Gespräch, das wir am Morgen in der Sprechstunde hatten, nachgedacht hätte. Natürlich habe ich darüber nachgedacht! Und ich hatte mich entschlossen zu bleiben. Ich bin mir inzwischen sicher, dass ich es mit ihr schaffen kann. Sie ist die einzige Person, zu der ich z.Z. so etwas wie Vertrauen empfinde. Ich sage es ihr nicht, sondern bestätige nur, dass ich bleiben will...

Die Anspannung steigt: warum fange ich nicht einfach an, über mein Thema zu reden?! Meine Schädeldecke scheint sich zu heben, die Spannung im Kopf wird unerträglich! In ihm fühle ich nur eine unendliche Leere, und ich komme mir wieder einmal vor wie ein Depp. Sicher hält sie mich für therapieresistent! ... Das wäre furchtbar!

13.05.2006

Zur Zeit fühle ich mich nicht in der Lage, das scheinbar "normale" Leben der Menschen in meinem engen, aber auch weiten Umfeld zu ertragen. Ich lehne es so sehr ab, dass mich jedes Mal Magenkrämpfe plagen, wenn ich es nur ansehen oder mir Berichte darüber anhören muss. Oft habe ich in diesen Situationen das Gefühl, dass mir die Luft wegbleibt oder ich mich übergeben muss. Vielfach schaltet sich mein Gehirn zum Schutz vor diesen für mich unangenehmen Wahrnehmungen wie von selbst ab - ich schalte sozusagen auf "Durchzug", was mich daran hindert, an der Kommunikation mit anderen Menschen teilzunehmen.

11.03.2007

Die vergangene Woche war für mich extrem anstrengend. Noch immer schäme ich mich dafür, dass ich Dr. Kyber und Frau Hahn mit einer solchen Aggressivität begegnet bin. Ich hatte geglaubt, dass mich beide sprichwörtlich in den Wind schießen wollten, da ich wieder einmal nicht kommunikationsfähig war. Die Härte, mit der mir beide begegneten, ließ mich erstarren, mehr noch, als ich es bisher von mir kannte. Ich war enttäuscht, fühlte mich hilflos und nun auch noch von den beiden Menschen verlassen, zu denen ich inzwischen etwas Vertrauen hatte. Ich will es doch schaffen! Ich will hier raus lassen, was mich belastet!!! Wut, Verzweiflung, Selbsthass, Resignation tobten in mir. Ich bin froh, dass mir D. so zur Seite gestanden und Schlimmeres verhindert hat. Und ich bin froh, dass ich den Mut gefunden habe, an Frau Hahn den Brief zu schreiben und mich wenigstens etwas zu erklären. Die Nacht von Donnerstag zu Freitag war für mich die Hölle. Das Gefühl des Alleinseins, das mich erfasste, immer mehr erfasste und mich wie ein Strudel runter zog, löste Panikanfälle in mir aus.

12.03.2007

Meine Gefühle machen mir furchtbar zu schaffen. In mir tobt es! Ich bin total erschöpft und kann es kaum glauben, dass ich heute diese Gedanken ausgesprochen habe. Seit einer guten Stunde habe ich die lange Therapiestunde mit Dr. Kyber überstanden. Die Gedanken kreisen noch immer in meinem Kopf umher, mein Magen krampft unaufhörlich, der Rest des Körpers fühlt sich furchtbar schlapp, tot an. Heute habe ich über meine Kindheit und mein Gefühl der inneren Einsamkeit gesprochen. Niemals zuvor hatte ich irgend jemandem davon erzählt!

Die Kindheit, die ich nach außen immer als ideal darstellte, war zwar tatsächlich eine Kindheit voller Fröhlichkeit, aber auch eine Kindheit innerer Einsamkeit. Ich hatte zeitig gelernt, mit meinen Ängsten und Gefühlen allein zu sein und allein mit ihnen klar zu kommen, sie vor anderen Menschen, auch vor meiner Familie gut zu verbergen.

13.03.2007

Heute Vormittag hatte ich wieder einmal einen Absturz. Ich glaube, dass der Auslöser dafür mein gestriges Gespräch mit Dr. Kyber ist ...

18.03.2007

(Tagebucheintrag nach dem Besuch meines damaligen Ehemannes)

Gestern habe ich zum ersten Mal diesen sich aufdrängenden Brechreiz verspürt, nachdem ich mich von H. und Oskar verabschiedet und die Klinik, die sichere "Käseglocke" erreicht hatte. Ich war allein, alles fiel von mir ab: meine aufgesetzte Lockerheit, das zuversichtliche Gesicht, die nach außen demonstrierte Stärke. Wie eine alte Frau schleppte ich mich die Treppen zu meinem Zimmer hinauf, mein Gesicht erstarrte, der Magen krampfte unaufhörlich, mir war übel. Nur mit großer Mühe raffte ich mich auf, um mich bei der Nachtschwester zu melden und ihr zu sagen, dass es mir gut ginge und ich keine Hilfe bräuchte. Die Schwester war zufrieden und ich hatte Angst, Angst vor der endlosen Nacht, Angst vor meinen Grübeleien, Angst vor ...

Ich will mein Leben so nicht mehr! Ich will das Gefühl der Enge loswerden, das mir die Luft zum Atmen nimmt...

Nie wieder will ich das Gefühl haben, dass ich mein Ich verstecken, verleugnen muss, damit andere Menschen den Eindruck gewinnen, dass ich liebenswert, klug, glücklich oder sonstwas bin. Ich bin es nicht! Ich hasse mich! Ich bin nicht wirklich ich, ich bin nicht echt, ich bin ein verdammter Schauspieler! ...

20.03.2007

Das Schreiben des Tagebuchs fällt mir seit Beginn meines Aufenthalts in Heringsdorf sehr schwer. Die Gedanken, die ich hier ausspreche, wage ich nicht aufzuschreiben. Ich hasse mich für diese Gedanken, jahrelang habe ich sie mir verboten, und doch drängen sie jetzt mehr denn je in den Vordergrund. Sie lassen sich nicht mehr wegwischen, sie sind da, quälen mich, wollen gedacht und ausgesprochen werden.

Obwohl ich inzwischen ein wenig von dem, was mich belastet, ausgesprochen habe, geht es mir nicht besser - im Gegenteil! Fast durchgängig quält mich nunmehr ein fürchterlicher Brechreiz. Ich glaube, dass es der Ekel vor mir selbst ist! Immer mehr habe ich das Gefühl, dass ich nicht die Person bin, die ich bisher meinte zu sein. Ich bin nicht die liebevolle, sich um die Mutter sorgende Tochter, die sich gern und voller Dankbarkeit an eine schöne Kindheit erinnert. Ich bin nicht der vor Optimismus strotzende Sonnenschein, der mit Witz und Humor den Problemen des Alltags trotzt und den Macken seiner Mitmenschen mit großzügiger Toleranz begegnet. Ich bin nicht die unbegrenzt belastbare Powerfrau, die den Nerv hat, alles und jeden auszuhalten. Ich bin nicht die unabhängige, selbstbewusste, lebenstüchtige und zuversichtliche Lehrerin, die in der Lage ist, jungen Menschen auf dem Weg in ihre Zukunft Wissen, Optimismus und Stärke zu vermitteln und ihnen Halt zu geben.

Ich fühle mich lebensuntüchtig und schwach, einsam und abhängig. Während ich dies schreibe, ringe ich schon wieder nach Luft. Seit Tagen habe ich das Gefühl, als würden mir die Atemwege abgeschnürt. Das Atmen fällt mir unendlich schwer, mein Magen krampft unablässig. Ich möchte aus meinem Körper fliehen, stelle mir vor, tot zu sein, ewige Ruhe zu haben, geschützt vor der Welt, einer Welt, in die ich nicht zu gehören scheine, der ich feindlich gegenüber stehe.

Heute Nachmittag hatte ich einen heftigen Absturz, ... Der Hass auf mich und die Welt, auf die Menschen um mich herum, meine Hilflosigkeit und Kraftlosigkeit, die heftigen Zweifel, jemals mit mir und der Welt klar zu kommen, wurden schier übermächtig, erdrückten mich, nahmen mir die Luft zum Atmen, brachten meinen Körper zum Zittern. Kälte! Panik! Ich bemerkte, wie ich abzustürzen begann. Wollte den Absturz verhindern und doch nicht verhindern. Wollte Hilfe und doch keine Hilfe. Irgendeine Kraft brachte mich dazu, das Zimmer zu verlassen. Hastig trugen mich meine Füße zum Schwesternzimmer, wo ich verwirrt nach einer Kopfschmerztablette fragte, anstatt um Hilfe zu schreien. Nein! Ich konnte es nicht! Ich konnte nicht um Hilfe bitten! Ich wollte nicht um Hilfe bitten! Die Menschen, denen ich auf dem Weg zurück in mein Zimmer begegnete, nervten. Ihr höfliches Grüßen, ihre Gespräche, ihr Lachen nervten. Ich hasste sie und ich hasste mich! Meine Wut, mein Hass wurden grenzenlos. Ich flüchtete in mein Zimmer. Jeder musste meine Wut, meinen Hass gesehen haben! Zunehmend verlor ich die Kontrolle über mich, rannte im Zimmer auf und ab … Filmriss!

Als ich wieder zur Besinnung komme, finde ich mich in meinem Bett wieder. Ich friere, bemerke, wie jeder Muskel, jede Faser meines Körpers angespannt ist ...

05.02.2008

Ich bin froh, dass ich mit Frau Hahn jetzt besser klar komme. Irgendwie ist es ein gutes Gefühl, keine Angst mehr haben zu müssen, dass ich etwas tun muss, was ich nicht will, weil ich, mein Körper, meine ganze Gefühlswelt ein riesiges Problem damit haben. Inzwischen gehe ich sehr gern zu Frau Hahn!

07.02.2008

K. hat heute das, was gestern geschehen ist, einen "Durchbruch" genannt, und ich kann es selbst noch gar nicht so richtig fassen, dass ich das gestern ausgehalten und geschafft habe! Wir hatten mit der Bildschirm-Technik gearbeitet, die ich inzwischen anscheinend ganz gut beherrsche, zumindest bin ich dank K's Hilfe nicht in den Film rein gezogen worden, konnte ihn stoppen, als ich stoppen sollte. Und ich war sogar in der Lage, hinterher ein wenig zu beschreiben, was ich gesehen, erlebt hatte. Sicher - ich habe natürlich nicht geredet wie ein Wasserfall, aber immerhin: ich habe gesprochen, den dicken fetten Kloß im Hals und meine Scham besiegt. Es ist nicht zu fassen - nach all den Jahren habe ich endlich ein ganz kleines bisschen darüber gesprochen! Und ich habe es ausgehalten, dass es da jemanden gab, der zugehört hat. Unglaublich! Ich glaube, K. hat Recht, das war ein Durchbruch!!! ...

12.02.2008

Ich kann es noch immer nicht fassen, dass ich es geschafft habe, heute bei Frau Hickstein im Gestalten DAS auf ein Blatt Papier zu malen! Gott sei Dank hat sie sich mein Bild nicht in meiner Gegenwart angesehen. Ich schäme mich für das, was dort abgebildet ist!!! Vermutlich kann ich darüber nie mit Frau Hickstein oder irgendeinem anderen Menschen sprechen, aber es ist unglaublich, dass ich es geschafft habe, es zu malen, und das auch noch mit der Gewissheit, dass sie und K. und auch Frau Hahn es irgendwann sehen werden. Nie hätte ich geglaubt, dass ich das irgendwann mal schaffen werde!

11.03.2008

Es ist ein super geiles Gefühl, wenn man feststellt, dass man doch schon richtig viel geschafft hat!

Mit Frau Hahn arbeite ich seit mehreren Stunden am Thema ‚Vertrauen‘. Es ist für mich sehr schwer, mit diesem Thema klar zu kommen, denn ich habe keine echte Erfahrung mit wirklichem Vertrauen. Dass mir dieses Gefühl fremd, unheimlich, auch bedrohlich erscheint, wundert mich heute nicht mehr. Frau Hahn hat viel dazu beigetragen, dass ich mich und meine Angst vor Gefühlen besser verstehen kann. Meine fehlende Fähigkeit, Menschen zu vertrauen, macht mich nun nicht mehr wütend. Ich übe es jetzt, Vertrauen zu entwickeln und auch mit ‚widersprüchlichen Begleitgefühlen‘ wie Angst, Scham, Aggressivität, Hilflosigkeit besser umzugehen. Es macht mir ganz schön zu schaffen, dass ich bei K. noch immer nicht so reden kann, wie ich es eigentlich möchte. Ich bin froh, dass sie dafür Verständnis zu haben scheint, sie bedrängt mich nicht, setzt mich nicht unter Druck, bemüht sich sehr, mir das Gefühl zu geben, dass ich ihr vertrauen kann. Wahrscheinlich weiß K. schon von Frau Hahn, welche Kämpfe in mir toben und dass ich darum ringe, mein Vertrauen ihr gegenüber zu stärken und auch zu verstehen, warum ich mich bei ihr oft hilflos, beschämt, ängstlich und manchmal auch ihr gegenüber aggressiv fühle. Gefühle, die aus meiner bisherigen Sicht nicht zum Vertrauen passen, was mich immer wieder doch daran zweifeln ließ, dass ich wirklich Vertrauen zu K. habe. Wie fühlt sich echtes Vertrauen an?

 

 

 

 

14.03.2008

„Es ist merkwürdig: Ich habe K. heute fast die ganze Zeit in die Augen sehen können. Irgendwie freue ich mich darüber. Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass ich zu ihr nun wirkliches Vertrauen habe? Mal sehen! Ich muss schauen, ob das Gefühl so bleibt. Bisher zumindest scheint K. mich doch nicht abartig zu finden, obwohl sie schon so viel von mir weiß. Inzwischen habe ich auch das sichere Gefühl, dass sie nicht bloß irgendein Schauspiel abliefert, sondern es ehrlich meint. Und irgendwie fühle ich mich bei ihr ganz schön sicher. K. ist hundertprozentig zuverlässig! Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass sie mich allein gelassen hat oder nicht wusste, was zu tun ist, wenn ich ihre Hilfe brauchte.“

25.03.2008

Ich fahre in diesem Jahr mit einem ganz neuen Gefühl nach Hause. So langsam fange ich an, doch daran zu glauben, dass ich es wirklich schaffen kann, irgendwann mit mir und meiner beschissenen Vergangenheit so klar zu kommen, dass ich wieder ausreichend Kraft zum Leben und Spaß am Leben habe.